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Tom Levold Wahlkampf 2009
Beobachtung der Beobachter


Tom Levold
Dipl.-Sozialwissenschaftler, Lehrender Supervisor und Lehrender Coach (SG)

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tom.levold@charismakurve.de


26.08.2009
Charisma oder Unterscheidbarkeit


Der Gebrauch des Charisma-Begriffs in der Politik ist eng mit der Herrschaftstheorie des Soziologen Max Weber verknüpft, die in seinem posthum 1922 erschienen Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlicht wurde. Hier stellte er die charismatische Herrschaft der rationalen (legalen bzw. bürokratischen) und der traditionellen (patrimonialen) Herrschaft gegenüber.

Im Unterschied zur rationalen und traditionalen Herrschaftsform, die in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten als "Normalformat" von Herrschaft aufzufinden sind und daher etwas Alltägliches aufweisen, zeigt sich die charismatische Herrschaft für Weber vor allem in Ausnahme-Situationen, die wir heute gerne mit dem Wort der Krise belegen. Krisen sind die Bühne für den Auftritt von Personen mit einer charismatischen Ausstrahlung, die von ihrer eigenen Sendung überzeugt sind und andere von ihrer Sendung zu überzeugen vermögen. Diese Bereitschaft zur persönlichen Gefolgschaft legitimiert ihre Macht, die allerdings sehr labil ist. Wird die Gefolgschaft verweigert, endet die charismatische Herrschaft in der Regel in einer Diktatur oder dem Untergang in die Bedeutungslosigkeit.

Beispiele für Charismatiker sind zahlreich. Unter ihnen finden sich Heilsgestalten wie Jesus, Gandhi und der Dalai Lama ebenso wie Verbrecher wie Hitler oder Osama Bin Laden.

Insofern dürfte man erwarten, dass in Demokratien einer charismatischen Ausstrahlung von Spitzenpolitikern zumindest Skepsis entgegengebracht wird. Denn das zentrale Merkmal der Demokratie, Parteien und Personen zu wählen, die sich für ihr Handeln (und nicht für ihre persönliche Ausstrahlung) zu rechtfertigen haben, steht den Prinzipien charismatischer Herrschaft diametral entgegen. Anders ausgedrückt: der Mangel an charismatischem Talent bei unseren Spitzenpolitikern seit dem Rückzug von Schröder und Fischer sollte uns eigentlich als Demokraten nicht beunruhigen (auch Lafontaine hat ja seine charismatischen Höhepunkte schon hinter sich). Außerdem sollte es uns angesichts unseres seit langem etablierten System der Sozialisation zum Berufspolitiker auch nicht verwundern, dass auf diesem Nährboden keine Charismatiker gedeihen können (oder habe ich hier irgend jemanden übersehen?).

Andererseits leben wir seit etwa seit 40 Jahren in Krisenzeiten. Arbeitlosigkeit, Ökologie, Terrorismus, Gesundheitswesen, Finanzwirtschaft - lauter Krisenherde, deren Löschung wir von der Politik (und von Politikern) erwarten. Dass dafür bürokratische oder traditionale Modelle nicht mehr ohne Weiteres in Frage kommen, haben wir mittlerweile begriffen, dass Politiker damit womöglich strukturell ohnehin überfordert sind, wollen wir noch nicht akzeptieren (weil das natürlich Auswirkungen auf unsere Wahlbeteiligung hätte).

Politiker sollen also unterschiedliche Dinge meistern. Einmal sollen sie mit Sachverstand ihren Job machen und möglichst rationale Lösungen für (lösbare und unlösbare) Probleme basteln, andererseits sollen sie unsere Angst vor der Krise nehmen, indem sie Überzeugungskraft, Führungsstärke und Durchsetzungsvermögen präsentieren, verbunden mit Optimismus, Siegeswillen und Zuversicht, die unsere Gefolgschaft sichern können.

Steinmeier und Merkel haben sicherlich ihre Qualitäten, wenn es darum geht, ihre Arbeit geräuschlos zu machen. Weil es aber mit dem Charisma der Kandidaten hapert, klingen ihre Verlautbarungen hohl und langweilig, staatstragend gestelzt und absolut nichts-sagend. Da hilft auch die Inszenierung der Kandidaten als Privatpersonen nicht weiter. Wenn die User der Charisma-Kurve empfehlen, mehr mit der Faust auf den Tisch zu hauen oder Unkonventionelles zu wagen, dann geht es wahrscheinlich nicht um den Wunsch, charismatische Herrschaft ins Kanzleramt zu bringen, sondern die Kandidaten zu ermutigen, etwas zu tun, was sie vermeiden wie der Teufel das Weihwasser, nämlich ein Risiko einzugehen.

Da Krisen aber immer etwas mit dem Eingehen und mit der Bewältigung von Risiken zu tun haben, ist es ein berechtigter Anspruch des Publikums, zu erfahren, wie Politiker mit Risiken umgehen. Für etwas einzustehen, ist immer mit dem Risiko verbunden, auf Widerspruch zu stoßen. Dafür wird man unterscheidbar, was überhaupt erst eine Wahlmöglichkeit schafft.

Koalitionen müssen ihre Unterschiede verkleinern, um gemeinsam handeln zu können. Im Wahlkampf kann erwartet werden, dass die Unterschiede wieder erkennbar werden. Frau Merkel scheint momentan aber nach der Maxime "wer nichts sagt, sagt auch nichts falsches" zu handeln (Ihr Wirtschaftsminister leugnet sogar, eine Position gehabt zu haben). Das übergreifende Motto scheint zu sein, nur Dinge zu sagen, auf die möglichst viele Ja sagen können. Und wenn man schon keine wirklichen Unterschiede ausmachen kann, kann ja alles so bleiben, wie es ist.

Immerhin können wir uns dann damit trösten, dass wir jedenfalls nicht in die Fänge eines charismatischen Volksverführers geraten.


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